Über das Gehen als Denkform, die Kunst des analogen Umherstreifens — und warum die stärksten Ideen und tiefsten Verbindungen entstehen, wenn man aufhört, etwas festzuhalten.
Es gibt einen Moment auf jedem Walk, der immer gleich ist. Du hast die Straße verlassen — irgendeine Straße, in irgendeiner Stadt — und plötzlich läuft der Kopf anders. Nicht schneller. Ruhiger. Die Gedanken lösen sich auf, und in diesem Auflösen entsteht etwas, das vorher nicht da war. Eine Verbindung. Eine Idee. Ein Bild. Kein Foto. Ein inneres Bild. Das schärfste, das es gibt.
Das ist keine Metapher. Das ist Physiologie und Philosophie zugleich — und es hat eine Geschichte, die weit vor Instagram, weit vor der Digitalkamera, weit vor dem Smartphone reicht.
Paris, frühes 19. Jahrhundert. Die Stadt hat gerade eine Revolution hinter sich, Haussmann zieht neue Boulevards, die Passagen entstehen — überdachte Einkaufsstraßen aus Glas und Stahl, das erste urbane Innen-außen. Und in dieser neuen Stadt taucht ein neuer Menschentypus auf: der Flaneur. Kein Bürger, kein Arbeiter, kein Tourist. Jemand, der die Stadt durchquert, ohne ein Ziel zu haben — weil das Unterwegs selbst der Ort ist.
Walter Benjamin, Berliner, Kosmopolit, hat diesen Typus zum philosophischen Konzept gemacht. Unerkannt in der Menge, beobachtend, durchdringend. Der Flaneur nimmt die Stadt wie eine Landschaft in sich auf — und wie eine Stube. Er ist gleichzeitig draußen und drinnen, Teil und Beobachter. Ein Aggregatzustand, der sich nicht mit einem Ziel verträgt.
Ein Jahrhundert später kamen die Situationisten. Guy Debord erfand das Dérive: das planlose Umherschweifen, das der Architektur folgt, dem Zufall, dem Zug eines Platzes. Keine Route, keine Absicht. Nur die Frage: Wohin führt mich dieser Raum? Sie nannten das Psychogeographie — die Wirkung, die eine Stadt auf einen Menschen ausübt, der ihr nicht widersteht. Die Ergebnisse ihrer Streifzüge hielten sie in handgezeichneten Karten fest, die nicht beschrieben, wo etwas stand, sondern wie es sich anfühlte.
„Das Dérive ist radikal ineffizient. Es produziert kein Ergebnis. Es führt dich nirgendwo hin — außer dorthin, wo du vielleicht noch nie warst."
Ich habe jahrelang Walks organisiert — in Berlin, in anderen Städten, auf anderen Kontinenten. Photowalks, Kieztouren, Food-Runs durch Hinterhöfe, die kein Reiseführer kennt. Und irgendwann habe ich etwas bemerkt, das mich zunächst irritiert hat: Die stärksten Momente passierten immer dann, wenn niemand mehr fotografierte.
Nicht weil es nichts zu sehen gab. Sondern weil die Situation zu stark war. Weil der Moment zu wirklich war, um durch ein Objektiv betrachtet zu werden. Die Kamera ist ein wunderbares Instrument — aber sie ist auch ein Filter. Sie gibt dir etwas zu tun. Sie schafft Distanz zwischen dir und dem, was du siehst. Manchmal ist das genau richtig. Und manchmal ist es genau das, was dich davon abhält, wirklich dort zu sein.
Das analoge Gehen — ohne Gerät, ohne Aufnahme, ohne die Absicht, irgendetwas zu produzieren — ist eine andere Qualität. Die Stadt wird zum Denkraum. Die Bilder entstehen im Kopf. Ideen kommen nicht aus Meetings, nicht aus Brainstormings, nicht aus Whiteboards. Sie kommen beim Gehen. Das wussten Rousseau, Nietzsche, Beethoven. Das weiß jeder, der es je wirklich ausprobiert hat.
Das eindrücklichste Erlebnis dieser Art hatte ich nicht in Berlin. Es war auf der High Line in Manhattan.
Die High Line ist selbst eine Flanerie-Geschichte. In den 1930er Jahren als Hochbahn für Güterverkehr gebaut, dann aufgegeben, jahrzehntelang dem Vergessen überlassen. Während die Stadt diskutierte, ob man sie abreißen solle, wuchsen auf den alten Gleisen über 210 Wildpflanzenarten. Die Natur übernahm, wo der Mensch aufgehört hatte. 1999 kämpften zwei Anwohner für den Erhalt, 2009 öffnete der erste Abschnitt als öffentlicher Park — 1,5 Meilen auf alten Schienen durch Chelsea bis zu den Hudson Rail Yards.
An diesem Tag war die High Line kein Park. Sie war eine Bühne — und gleichzeitig keine.
Naomi Goldberg Haas und ihr Ensemble Dances for a Variable Population hatten die Gleise übernommen.* Tänzer in leuchtendem Rot bewegten sich durch die Menge, zwischen Wildblumen und altem Stahl, dreißig Meter über dem Lärm der Stadt. Manche jung und geschmeidig, manche langsam, manche sitzend — alle tanzend. Das war das Prinzip von DVP: die Grenze zwischen Tänzer und Nicht-Tänzer auflösen, zwischen Bühne und Straße, zwischen Publikum und Teilnehmer. Wer zuschaute, war längst Teil der Performance.
„Plötzlich war nicht mehr klar, wer hier aufführte und wer beobachtete. Die High Line hatte die Rollen aufgelöst — so wie eine gute Stadt das immer tut, wenn man ihr lässt."
Ich habe dort Menschen getroffen, mit denen ich bis heute verbunden bin. Keine Visitenkarten, kein LinkedIn-Moment. Einfach Gespräche, die entstanden, weil eine Choreographin den öffentlichen Raum so besetzt hatte, dass man nicht anders konnte, als innezuhalten. Aus diesem Innehalten wurde Kontakt. Aus dem Kontakt wurde etwas, das hält.
Ich habe diese Kreise in vielen Städten gezogen. Jede hat eine andere Qualität. Berlin zeigt dir den Hinterhof erst, wenn du die dritte Tür aufmachst. New York überwältigt dich — und gibt dir dann, wenn du nicht mehr kämpfst, etwas Unerwartetes zurück. Andere Städte haben ihre eigene Logik, ihre eigene Anziehung, ihr eigenes Tempo.
Was überall gleich ist: Der Moment, in dem etwas entsteht, ist nie der Moment, in dem man ihn erwartet. Eine Idee, ein Gesicht, ein Satz, den jemand sagt und den du nicht vergisst. Das passiert nicht im Büro. Das passiert unterwegs — wenn man bereit ist, langsamer zu sein als die Stadt um einen herum.
Ich glaube, wir haben das verlernt. Nicht weil wir faul sind oder gleichgültig. Sondern weil uns jede App, jede Benachrichtigung, jede Plattform suggeriert, dass Produktivität Tempo ist. Dass Begegnung planbar ist. Dass der beste Weg der kürzeste ist.
Er ist es nicht. Und genau deshalb brauchen wir Räume und Formate, die das Andere ermöglichen — das Ziellose, das Offene, das analoge Drehen der eigenen Kreise. Nicht als Nostalgie. Als Gegenentwurf.
Ich habe encirkl.com gebaut, weil ich glaube, dass genau das heute gebraucht wird. Nicht noch eine Plattform, die Begegnungen optimiert. Sondern ein Ort, der sie ermöglicht — auf die einzige Art, die wirklich funktioniert: indem man losgeht, ohne zu wissen, was kommt.
* Naomi Goldberg Haas und ich haben uns nach der Performance auf der High Line nicht aus den Augen verloren. Jahre später, als sie für einen Dreh in Berlin war, verabredeten wir uns — am Rande des Sets, so wie man sich eben verabredet, wenn man in derselben Stadt ist und weiß, dass der andere da ist. Aus einem zufälligen Treffen auf einem verlassenen Gleisbett war eine Verbindung geworden, die Kontinente überbrückt. Du weißt nie, wen du triffst. Aber manchmal triffst du ihn wieder.
Dances for a Variable Population — dvpnyc.org