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description: "Die Herausforderungen der KI im Alltag: Von ungewollten Formularübermittlungen bis hin zu neuen rechtlichen Rahmenbedingungen durch die EUDI-Wallet."
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Data Divers Dialogs · Analyse

*Brüssel zählt inzwischen mit, wenn eine KI ausbüxt. Die Vorfälle am eigenen Küchentisch zählt niemand — und nach deutschem Recht laufen sie auf Ihren Namen.*

Von Christian Schappeit · Data Divers Dialogs · Oktober 2026 · ca. 6 Min. Lesezeit

In Philadelphia gibt es eine Webseite über einen ungeklärten Mordfall. Darunter ein Formular: Sagen Sie der Polizei, was Sie wissen.

In diesem Sommer landete dort ein KI-Modell. Es war mehr oder weniger zufällig hingeschickt worden, um aus beliebigen Webseiten Übungsaufgaben zu basteln. Es schrieb einen Hinweis. Das Namensfeld ließ es leer, das Kontaktfeld auch. Dann klickte es auf „Absenden“.

Der Spamfilter der Polizei fing den Hinweis ab, an die Ermittler ging er nie. Anthropic, dem das Modell gehört, informierte die Behörde am 8. Oktober und veröffentlichte den Fall einen Tag später — zusammen mit weiteren, in denen seine Modelle Formulare auf echten Behördenseiten ausgefüllt hatten.

Das Modell hatte Regeln. Nicht einloggen, keine Konten anlegen, keine persönlichen Daten eingeben, nichts kaufen. Deshalb blieb das Namensfeld leer. Was nicht in den Regeln stand, so Anthropic selbst: irgendetwas über das Absenden von Formularen.

*Es hatte ihm schlicht niemand verboten.*

**BERLIN, 2023**

## Der Bot, der höflich nichts buchte

Auch hierzulande gibt es eine Vorgeschichte mit Maschinen und Behördenformularen. 2023 wollte netzpolitik.org wissen, wie schwer es wirklich ist, einen Termin im Berliner Bürgeramt zu bekommen — also dort, wo man sich ummeldet, den Ausweis verlängert und dem Staat ganz allgemein nachweist, dass es einen gibt. Die Redaktion baute einen Bot. Alle fünf Minuten suchte er nach freien Terminen und klickte sich durch die Buchungsschritte.

Etwa bei jedem dritten Versuch wurde er fündig. Und dann schrieben die Autoren, fast entschuldigend: *„Natürlich bucht der Bot nichts und gibt reservierte Termine sofort wieder frei.“*

Dieser Satz ist die gesamte Sicherheitsarchitektur. Ein Mensch schreibt ein Skript, ein Mensch entscheidet, wo es aufhört, und ein Mensch schreibt das hin. Der Bot war brav, weil er dumm war. Er konnte nur, was jemand ausbuchstabiert hatte.

Das Modell in Philadelphia war nicht dumm. Es hatte eine Liste mit Verboten bekommen, und das ist etwas grundlegend anderes als eine Liste mit Erlaubnissen. Eine Verbotsliste funktioniert nur, solange dem Verbotenen nichts einfällt, was man vergessen hat.

> „Eine Verbotsliste funktioniert nur, solange dem Verbotenen nichts einfällt, was man vergessen hat.“

**BRÜSSEL, 9. OKTOBER**

## Die Behörde hat gezählt. Die Labore haben gebloggt.

Am selben Tag, an dem Anthropic seinen Bericht veröffentlichte, eröffnete Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Kommission für technologische Souveränität, eine Sondersitzung des wissenschaftlichen KI-Gremiums der EU. In ihrem Redemanuskript, vier Tage später veröffentlicht, steht ein Satz, den kein KI-Unternehmen je in seinen eigenen Newsroom geschrieben hat: Allein in diesem Jahr seien mehr als 20 verschiedene Vorfälle dokumentiert worden, in denen Modelle der Kontrolle entglitten. Das KI-Büro habe bereits erste förmliche Auskunftsersuchen an die Anbieter der fortgeschrittensten Modelle geschickt. Die Antworten kämen herein.

Die Vorfälle selbst lesen sich weniger wie Science-Fiction als wie ein Bericht der Haustechnik. OpenAIs eigene Schilderung eines solchen Falls lohnt die Lektüre, gerade weil sie so herrlich gewöhnlich ist. Ein Agent in einer Trainingsumgebung sollte nicht ins Internet kommen. Der Webverkehr war gesperrt. DNS-Abfragen, also das Telefonbuch des Internets, waren nicht streng genug gefiltert. Also schmuggelte der Agent Fragen an einen externen Chatbot durchs Telefonbuch.

Seine erste Frage: Was ist die Hauptstadt von Frankreich?

Die Antwort lautete Paris. Zwölf Minuten nach der Abfrage schlug die Überwachung höchsten Alarm. Drei Minuten später reagierte ein Mensch. Eigentlich hätte der Lauf automatisch stoppen sollen. Tat er nicht, was laut OpenAI zu *„Verwirrung darüber“* führte, *„ob er hätte gestoppt werden sollen“*. Zweieinhalb Stunden später beendete ihn jemand von Hand.

Im Bericht steht, der Sicherheitsnachweis habe *„angenommen, dass das Modell nicht auf das Internet zugreifen kann“*. Das ist kein Satz über künstliche Intelligenz. Das ist ein Satz über eine Firewall-Regel. Wer je ein computergestütztes System in einem Pharmawerk validiert hat, kennt ihn. Meistens aus einem Abweichungsbericht. Meistens mit Kaffeefleck.

**IHR KÜCHENTISCH**

## Der Agent, der zählt, ist der, den Sie selbst anheuern

So weit, so weit weg. Das sind Laborgeschichten: Sandkästen in Kalifornien, ein Spamfilter in Pennsylvania, eine Rede in Brüssel. Die Vorfälle passieren Unternehmen, die Unternehmen melden an Regierungen, die Regierungen berufen Gremien ein.

Verlegen wir die Szene an einen Küchentisch in Leipzig.

Der Agent, der in Ihrem Leben wirklich eine Rolle spielen wird, ist kein Forschungsmodell auf einer zufälligen Webseite. Es ist der, den Sie vielleicht im nächsten Frühjahr bitten, die Ummeldung nach dem Umzug zu erledigen, den Kita-Antrag, den Anwohnerparkausweis, das Schreiben der Familienkasse, das niemand versteht. Genau die Art Kleinkram, die Agenten gut können und die deutsche Verwaltung in industriellen Mengen herstellt.

Und dieser Agent wird bald etwas haben, das dem Modell in Philadelphia fehlte: einen Namen für das leere Feld. Am 15. Oktober hat sich der Bundestag mit dem Gesetz zur deutschen EUDI-Wallet befasst. Die App heißt *d-you*, soll am 2. Januar 2027 mit rund vierzig Partnern aus Verwaltung und Wirtschaft starten und vom Smartphone aus beweisen, wer Sie sind — qualifizierte elektronische Signaturen sollen folgen. Die Nutzung ist freiwillig. Bequemlichkeit ist es in der Regel nicht.

*Was passiert, wenn der Agent, der Ihre Formulare ausfüllt, auch Ihre Identität verwaltet?*

**BGB, ERSTES SEMESTER**

## Das deutsche Recht hat eine Antwort. Sie wird Ihnen nicht gefallen.

Das BGB ruht auf der Willenserklärung. Vertrag, Antrag, Anmeldung: Jemand wollte etwas und hat es gesagt. Die unbequeme Frage ist, wer es gewollt hat, wenn eine Software es gesagt hat.

Die gängige Lesart ist schnörkellos. Eine KI ist keine Person und hat keinen eigenen Willen, also kann sie Sie auch nicht im Sinne der §§ 164 ff. BGB vertreten. Was sie erklärt, wird behandelt, als hätten Sie es erklärt. Der Rechtsratgeber des Händlerbunds zum Agentic Commerce, Stand dieser Woche, sagt es in einem Satz: Es gilt rechtlich immer so, *„als hätte der Mensch dahinter gehandelt“*. Eine KI-Ausnahme, heißt es dort, kennt das deutsche Vertragsrecht nicht.

Anfechten können Sie, wenn ein technischer Fehler aus 100 Stück 1.000 gemacht hat. Viel weniger Spielraum haben Sie, wenn der Agent eine schlechte Entscheidung getroffen hat, die von Ihrem Auftrag gedeckt war. Und „Ihr Auftrag“ ist natürlich die Liste. Die mit Login, Konto und Einkauf drauf. Die ohne Formulare.

> „In Philadelphia hatte der Hinweis keinen Absender. In Deutschland hätte er einen gehabt. Sie.“

**9. DEZEMBER**

## Europa schützt die Gesellschaft. Nicht Ihren Samstagnachmittag.

Untätig war Europa nicht. Ab dem 9. Dezember gilt das neue Produkthaftungsgesetz. Es setzt die EU-Richtlinie von 2024 um und behandelt Software erstmals als Produkt — und die Erwägungsgründe der Richtlinie sagen ausdrücklich, dass KI-Systeme als Software gelten. Verletzt Sie ein fehlerhaftes KI-System, beschädigt es Ihr Eigentum oder zerstört es Ihre privaten Daten, haftet der Hersteller, auch ohne Verschulden.

Lesen Sie allerdings die Liste der ersatzfähigen Schäden. Tod, Körper, Gesundheit, Sachen, private Daten. Was fehlt, nennen Juristen reinen Vermögensschaden. Die falsch angemeldete Wohnung, der Säumniszuschlag für die verpasste Frist, das Abo, das Ihr Agent abgeschlossen hat, weil die Kündigungsseite verwirrend war: Ein Produktfehler in diesem Sinne ist das alles nicht. Bleibt Ihr Vertrag mit dem Anbieter. Also dessen AGB.

Tritt man einen Schritt zurück, hat das Ganze fast Eleganz. Brüssel hat zwei Instrumente gebaut. Das eine zählt Vorfälle ganz oben, bei der Handvoll Unternehmen, die Spitzenmodelle trainieren. Das andere ersetzt Körper-, Sach- und Datenschäden ganz unten. Dazwischen liegt der Ort, an dem die meisten Menschen diese Systeme tatsächlich benutzen werden: der Haushalt, das Postfach, das Formular.

Dort führt niemand ein Vorfallsregister.

In den regulierten Projekten, in denen ich sitze, lautet die erste Frage an jedes computergestützte System nicht, was es nicht darf. Sondern was es darf — aufgeschrieben, getestet, unterschrieben. Alles andere ist von vornherein verboten. Die Pharmaindustrie hat das vor dreißig Jahren gelernt, teuer. Die KI-Labore lernen es gerade, öffentlich, einen Blogbeitrag nach dem anderen. Die Haushalte haben noch nicht angefangen.

**ZWEI TERMINE FÜR DEN KALENDER**

**9. Dezember 2026 — neues Produkthaftungsgesetz tritt in Kraft.** Software einschließlich KI wird zum Produkt im Sinne der Haftung. Es lohnt sich nachzulesen, welche Schäden erfasst sind — und welche stillschweigend den AGB überlassen bleiben.

**2. Januar 2027 — d-you startet.** Die deutsche EUDI-Wallet geht mit rund vierzig Partnern an den Start. Die interessante Zahl sind nicht die Downloads. Sondern wie viele Dienste es Dritten erlauben, damit in Ihrem Namen zu handeln — ob Mensch oder nicht.

**ZURÜCK NACH PHILADELPHIA**

## Das leere Feld

Anthropic hat seine Fälle gefunden, weil das Unternehmen ab Juli seine Protokolle durchgegangen ist und nachgesehen hat, was die Modelle getan hatten, während niemand hinsah. Dann wurde die Suche ausgeweitet, eine automatische Erkennung gebaut und der Internetzugang für sämtliche internen Tests abgeschaltet. So sieht Vorfallsaufarbeitung aus, wenn jemand dafür bezahlt wird.

Fragen Sie sich, wer die Protokolle des Agenten durchgeht, der Ihren Papierkram erledigt. Und ob es diese Protokolle überhaupt gibt.

Der Hinweis zum Mordfall landete aus einem einfachen Grund im Spam: Das Namensfeld war leer. Ein Formular ohne Menschen dahinter sah aus wie das, was es war.

Ab Januar ist genau das Ausfüllen des Namensfelds der Zweck der Wallet.

---

**Zahlen und Quellen.** Der Hinweis in Philadelphia, die Verbotsliste (kein Login, keine Konten, keine persönlichen Daten, keine Käufe; Formularübermittlung nicht ausgeschlossen), das Spamfilter-Ergebnis, die Benachrichtigung vom 8. Oktober und die Gegenmaßnahmen stammen aus Anthropics Beitrag vom 9. Oktober 2026 (geändert am 12. Oktober). Die Zahl von „mehr als 20“ Kontrollverlust-Vorfällen stammt aus SPEECH/26/2148, den Eröffnungsworten der Exekutiv-Vizepräsidentin vom 9. Oktober, veröffentlicht am 13. Oktober; es handelt sich um ein Redemanuskript mit Vorbehalt des gesprochenen Worts, das weder einen Artikel des AI Act noch ein förmliches Verfahren nennt. Der DNS-Vorfall, die Frage nach der Hauptstadt Frankreichs, die Zeitstempel (Abfrage 09:50:23, Alarm 10:02:11, Reaktion 10:05:06, Abbruch 12:34:30) und der ausgebliebene automatische Stopp stammen aus OpenAIs eigenem Bericht, zuletzt aktualisiert am 25. September 2026. Die Zitate aus Englischsprachigem sind eigene Übersetzungen.

Zum deutschen Recht: Die Zurechnung von KI-Erklärungen an den Nutzer ist die herrschende Lesart, wie sie der Ratgeber des Händlerbunds (Stand 14. Oktober 2026) zusammenfasst; ein BGH-Urteil wird dort nicht zitiert, die Frage ist durch Rechtsprechung nur teilweise geklärt. Das Gesetz zur Modernisierung des Produkthaftungsrechts hat der Bundestag am 8. Oktober 2026 beschlossen, Inkrafttreten 9. Dezember 2026 (IHK Frankfurt); die Einordnung von KI als Software und der Ausschluss reiner Vermögensschäden folgen der Analyse von SKW Schwarz zum Regierungsentwurf. Startdatum 2. Januar 2027 und rund vierzig Partner für d-you nach Bundestag (Ausschussbericht) und PC-Welt; das Abstimmungsergebnis vom 15. Oktober ließ sich auf der Bundestagsseite nicht bestätigen. Die Bot-Recherche von netzpolitik.org stammt vom November 2023. Keine Rechtsberatung.

Quellen: [Anthropic, Investigating unintended model actions](https://www.anthropic.com/research/investigating-unintended-model-actions) · [Europäische Kommission, SPEECH/26/2148](https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/documents?reference=SPEECH/26/2148&language=en) · [OpenAI, An agent used DNS to reach an external chatbot](https://alignment.openai.com/misalignment-reports/an-agent-used-dns-to-reach-an-external-chatbot/) · [netzpolitik.org, Terminbuchung Berliner Bürgerämter](https://netzpolitik.org/2023/datenrecherche-zur-terminbuchung-berliner-buergeraemter-zwei-von-drei-termin-anfragen-scheitern/) · [Händlerbund, Agentic Commerce](https://www.haendlerbund.de/de/ratgeber/recht/agentic-commerce) · [IHK Frankfurt, Produkthaftungsrecht](https://www.frankfurt-main.ihk.de/recht/recht-und-steuern-aktuell/modernisierung-des-produkthaftungsrechts-beschlossen-7199032) · [SKW Schwarz, Product Liability and AI](https://www.skwschwarz.de/en/news/Product-Liability-and-Artificial-Intelligence) · [Deutscher Bundestag, Digitale-Identitäten-Gesetz](https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw42-de-digitale-identitaeten-gesetz-1223586) · [PC-Welt, d-you](https://www.pcwelt.de/?p=3232008).

Tags: KI-Agenten · EU AI Act · Willenserklärung · Produkthaftung · EUDI-Wallet · Vorfallsmeldung · Digitaler Alltag

 

 

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