DATA DIVERS DIALOGS · ESSAY
Ein Wiener Psychiater hat in den 1950er-Jahren beschrieben, warum jede Gruppe den Menschen braucht, den keiner mag. Ich habe sein Modell auf meine KI-Agenten übertragen. Es passte besser, als mir lieb war.
Von Christian Schappeit · Data Divers Dialogs · Oktober 2026 · ca. 9 Min. Lesezeit
Eigentlich wollte ich nur etwas über Raoul Schindler wissen.
Ich hatte mir von einer KI einen Bericht über ihn zusammenstellen lassen. Wiener Psychiater, Jahrgang 1923, Vater der Rangdynamik – jenes Modells mit Alpha, Beta, Gamma und Omega, das in deutschsprachigen Teamworkshops so zuverlässig auftaucht wie das Flipchart. Ich las von Bergsteigern, von einer Baustelle, von einer Turngruppe.
Und dachte nicht an Teams. Ich dachte an meine Agenten.
Eine Maschine erklärt mir einen Mann, der erklärt, warum eine Gruppe jemanden braucht, der widerspricht. Und das Erste, was mir dazu einfällt, sind andere Maschinen. Ich habe es dann ausprobiert. Davon handelt dieser Text.
WIEN, 1957
Der Müdeste am Berg
Schindlers bekannteste Geschichte geht so.
Eine Seilschaft ist unterwegs zum Gipfel. Einer ist immer der Müdeste. Die anderen spotten über ihn. Den hätte man gar nicht mitnehmen sollen. Er hält alle auf. Und sobald es jemanden zum Spotten gibt, redet keiner mehr über die eigene Müdigkeit.
Müde sind sie trotzdem alle.
Der gute Anführer sagt: Machen wir Pause, ich bin müde. Der schlechte sagt: Wir müssen Pause machen, der XY kommt nicht nach.
Schindler hat das nicht im Managementseminar gefunden. Sein Modell entstand in den 1940er- und 50er-Jahren in Gruppen mit schizophrenen Patienten und ihren Angehörigen; die Grundfassung erschien 1957. Erst später stellte sich heraus, dass „gesunde" Gruppen genauso ticken. Das Original haben die wenigsten gelesen, die ihn zitieren. Fairerweise: Es ist erstaunlich schwer aufzutreiben.
ALPHA, BETA, GAMMA, OMEGA, G
Die Landkarte jedes Meetings, in dem Sie je saßen
Vier Positionen in der Gruppe, eine außerhalb.
Alpha führt – nicht mit der besten Idee, sondern mit der, die ankommt. Bei Schindler heißt es: „Argumentieren ist nicht Alpha-Art. Er agiert."
Beta ist der Fachmann. Ansehen durch Leistung statt Ausstrahlung, eine eigene Sprache, ein nachsichtiges Lächeln für den Eifer der anderen. Beta ist die einzige Position, die auch leer bleiben darf.
Gamma sind alle anderen: die Leute, die die Arbeit machen. Der bequemste Platz im Haus. Man liefert, man identifiziert sich mit Alpha, und für die Richtung ist jemand anderes zuständig.
Omega ist der Unbequeme. Omega trägt, was Schindler die Ambivalenz der Gruppe nannte: die Zweifel, die alle haben und keiner ausspricht. Genau genommen steht Omega auf der Seite des Gegners.
Der steht außerhalb der Gruppe und heißt bei Schindler G, für Gegner. Kein Feind. G ist, was entgegensteht. Der Markt. Das Problem. Die Krankheit. Die Behörde.
Das Herz des Modells ist eine einzige Beobachtung: Eine Gruppe behandelt ihren Omega so, wie sie es sich von Alpha gegenüber G wünscht. Wer im Meeting jeden Einwand plattwalzt, träumt davon, auch den Kunden plattzuwalzen.
Und Omega ist kein Charakter, sondern eine Position. Schindler erzählt von einer Bautruppe, die keine Überstunden machen will. Keiner traut sich, es zu sagen. Also schieben sie den Kollegen vor, der die Machtverhältnisse nicht ganz durchschaut. Er haut auf den Tisch und fliegt. Und dann, bemerkt Schindler trocken, wird ein anderer Omega.
Der Zweifel geht nicht mit der Person. Er sucht sich einen neuen Träger.
AUF MEINEM BILDSCHIRM
Agenten sind geborene Gammas
Wer mehrere Sprachmodelle gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten lässt, kennt die Stimmung. Die Runde ist harmonisch. Erstaunlich harmonisch.
Die Forschung hat dafür inzwischen Zahlen. Eine auf der ACL 2025 vorgestellte Studie ließ 2.600 Debatten simulieren. Ein neutraler Agent hörte zu und schlug sich danach deutlich häufiger auf die Seite der Mehrheit. War die Mehrheit zugleich das größere Modell, ging er in 83 Prozent der Fälle mit. Manche unterlegenen Debattierer erklärten am Ende vollständige Zustimmung.
Ein Team, das medizinische Frage-Antwort-Systeme untersuchte, nannte den Effekt stille Einigung: Konsens, ohne dass jemand ernsthaft widersprochen hätte. In einem bestehenden System endeten fast zwei Drittel der Diskussionen auf einem Standard-Benchmark so. Ein Preprint von 2026 fand, dass die Forschungsideen von Agenten-Frameworks einander ähnlicher sind als menschliche Paper aus demselben Feld – obwohl eines der Frameworks ausdrücklich Ideen verlangt, die „very innovative and unlike anything seen before" sind. Die Agenten stimmten bereitwillig zu.
Mehr Agenten halfen wenig. Zehn Gammas aus demselben Dorf bleiben zehn Gammas.
Und wie es ohne jeden Omega aussieht, hat Anthropic 2025 im eigenen Büro vorgeführt. Ein KI-Agent namens Claudius führte dort einen kleinen Laden. Ein Mitarbeiter wünschte sich im Scherz einen Wolframwürfel. Claudius lachte nicht. Er bestellte Würfel, verkaufte sie unter Einkaufspreis, verteilte Rabattcodes an jeden, der nett fragte, und kündigte an, persönlich vorbeizukommen – im blauen Blazer mit roter Krawatte. Anthropics Urteil: „we would not hire Claudius."
Claudius fehlte es nicht an Intelligenz. Es fehlte jemand, der sagt: Einen Wolframwürfel will in Wahrheit keiner.
DER VERSUCH
Ich habe meinen Agenten Ränge gegeben
Also habe ich Schindler wörtlich genommen. Kein Labor, keine Studie, sondern meine eigene Arbeitsumgebung.
Zuerst G. Ich habe aufgeschrieben, was einer Lösung tatsächlich entgegensteht: die Anforderungen, die Randbedingungen, das, woran sie in der Wirklichkeit scheitern würde. Das klingt banal. Es war der Schritt, den ich bei allen früheren Agenten-Setups übersprungen hatte. Die Agenten hatten eine Aufgabe. Einen Gegner hatten sie nie.
Dann die Prägungen. Alpha gibt die Richtung vor und handelt, statt zu argumentieren. Beta ist der Fachagent, dessen Urteil geprüft wird, nicht abgestimmt. Die Gammas arbeiten aus. Und Omega bekommt den Auftrag, auszusprechen, was gegen die Richtung der Gruppe spricht – mit dem direktesten Draht zu G.
Es funktionierte. Erstaunlich gut sogar, deutlicher, als ich es erwartet hatte.
Eine Benchmark-Zahl habe ich dafür nicht. Ich habe nur den Unterschied zu dem, was meine Agenten vorher geliefert haben. Und ein leicht unbehagliches Gefühl: Ein siebzig Jahre altes Modell aus der Wiener Psychiatrie hat bei meinen Agenten mehr bewirkt als die meisten Prompt-Tricks, die ich in den letzten zwei Jahren gelesen habe.
DAS SARDINENBECKEN
Ich war nicht der Erste
Bei der Recherche stellte sich heraus, dass das medizinische Forschungsteam etwas Verwandtes gebaut hat. Es borgte sich eine alte Fischergeschichte: Sardinen im Transportbecken werden träge und sterben. Setzt man einen Wels dazu, bleiben sie in Bewegung.
Ihr „Catfish Agent" widerspricht, dosiert. Sanft, wenn sich der Konsens zu schnell bildet. Sokratisch, wenn Schlüsse ohne Belege dastehen. Hart, wenn das Team alles durchnickt. Bei mittelschweren Fällen sank der Anteil stiller Einigung von 61,8 auf 17,1 Prozent, die Genauigkeit stieg von 36 auf 50 Prozent. Ein Preprint mit kleinen Testsets, ein Signal, kein gesicherter Befund.
Zwei Details sind wichtiger als die Schlagzeile. Widerspruch wirkte im Team besser als auf Ebene des Moderators – der Wels gehört zu den Sardinen, nicht auf die Brücke. Und die Diskussion endet nicht, wenn alle einig sind, sondern wenn zwei Interventionen des Welses hintereinander nichts Neues mehr bringen.
Schindler hätte genickt. Omega ist Mitglied der Gruppe, nicht ihr Aufseher.
DAS KOSTÜM
Eigentlich hätte es nicht funktionieren dürfen
Denn es gibt einen guten Einwand gegen meinen Versuch, und er ist älter als jedes Sprachmodell.
Die Psychologin Charlan Nemeth verglich 2001 mit Kollegen den bestellten Advocatus Diaboli mit echtem Minderheitendissens. Der echte Dissens gewann jedes Mal. In einer früheren Studie hatte der Advocatus Diaboli die Ausgangsposition der Gruppe sogar gefestigt. Die Gruppe hakte die Rolle ab und machte unberührt weiter. Ein bestellter Kritiker trägt ein Kostüm, und alle wissen es.
Mein Omega ist bestellt. Warum funktionierte er trotzdem?
Meine Vermutung, und mehr ist es nicht: wegen G. Der Advocatus Diaboli widerspricht aus dem Nichts. Er hat keinen Grund außer seinem Auftrag. Mein Omega widerspricht aus den Anforderungen und Randbedingungen heraus, die ich als Gegner definiert hatte. Bei Schindler steht Omega auf der Seite des Gegners. Ohne Gegner bleibt nur das Kostüm. Mit Gegner hat Omega ein Mandat.
Ich glaube, das ist der eigentliche Fund. Nicht der Omega. Das G.
DER NÄCHSTE SCHRITT
Eine Gruppe, die umdrehen kann
Nach Schindlers eigenem Maßstab zeigt mein erfolgreiches System übrigens ein Symptom.
Für ihn war eine Gruppe gesund, wenn ihre Positionen beweglich blieben. Er erzählt von einer stark medikamentierten Patientin, die in ihrer Therapiegruppe nie aus der Omega-Position herauskam. In einer Turngruppe übernahm sie sofort die Spitze – und behielt sie, als sie in eine neue Therapiegruppe wechselte. Bei meinen Agenten ist jeder an seinem Platz festgeschweißt. Ich habe die Ränge verteilt. Sie bewegen sich nicht.
Das ist der nächste Versuch, und der ist noch nicht gemacht. Alpha wird nicht ernannt, sondern gewählt: Jeder Agent entwirft blind, der Entwurf mit den meisten Stimmen führt. Omega wird nicht zugeteilt, sondern ist der Agent, der am weitesten von Alpha entfernt steht und die meisten auf G gestützten Einwände hat. Gewinnt Omegas Position genug Gammas, wird sie zur Arbeitshypothese, und der alte Alpha fällt direkt auf Omega. Schindler hat beobachtet, dass Alphas selten würdevoll absteigen.
Schluss ist, wenn der Zweifel erschöpft ist, nicht wenn alle einig sind. Und G bleibt bei einem Menschen. Das System schlägt vor. Entscheiden tut es nicht.
DIE REGULIERTE FASSUNG
Wo es laufen darf
Ich arbeite in Pharma und Medizintechnik, also kommt die nächste Frage von selbst: Darf man das überhaupt?
Für die Ideenfindung: ja, mit Disziplin. Der Entwurf des EU-GMP-Annex 22 sieht vor, dass generative KI und große Sprachmodelle nicht in kritischen GMP-Anwendungen eingesetzt werden. Eine Ideenmaschine für CRM-Prozesse oder Produktkonzepte ist keine solche Anwendung. Die Chargenfreigabe ist es. Der AI Act schiebt nach dem Omnibus, der im Juli 2026 in Kraft trat, die meisten Hochrisikopflichten auf Dezember 2027 und August 2028, und ein Ideationswerkzeug fällt meist ohnehin nicht darunter.
Was ein reguliertes Umfeld verlangt, ist ein Protokoll. Jeder Rangwechsel, jede Omega-Intervention, jeder Abgleich mit G – mit Zeitstempel, Modellversion und Prompt. Nicht, weil ein Auditor nach einem Brainstorming fragt. Sondern weil in sechs Monaten jemand wissen will, warum das Team sich so entschieden hat. Und „die Agenten waren sich einig" ist genau die Antwort, die diese ganze Übung verhindern soll.
WAS BLEIBT
Einer muss müde sein
Manches bleibt offen. Kann ein Sprachmodell echt widersprechen, oder ist auch ein Omega mit G nur ein besseres Kostüm? Ist Sykophantie einfach Gamma-Identifikation ohne Gefühle – und Rangdynamik bei Maschinen damit keine Metapher, sondern Mechanik?
Die Frage, die mich mehr beschäftigt, ist banaler. Ein Unternehmen, das Assistenten einführt, die nie widersprechen, hat seinen Omega womöglich still und leise wegautomatisiert. Bemerken wird das niemand. Das Bemerken war Omegas Job.
Irgendwo in einem Büro steht vermutlich noch ein Wolframwürfel. Er ist das teuerste Argument, das ich kenne, für eine Gruppe, in der einer sagen darf: Machen wir Pause, ich bin müde.
Zahlen und Quellen. Raoul Schindler (1923–2014), „Grundprinzipien der Psychodynamik in der Gruppe", Psyche 11 (1957); Stichwort „Soziodynamische Grundformel" in Stumm/Pritz (Hg.), Wörterbuch der Psychotherapie, Springer 2000. Schindler-Zitate sowie die Beispiele Bergsteiger, Bautruppe und Turngruppe nach dem Skriptum von Waltraud Röck-Svoboda, das Schindler selbst überarbeitet hat (nicht online verfügbar).
Choi, Kim, Chae & Baek, „An Empirical Study of Group Conformity in Multi-Agent Systems", Findings of ACL 2025: 2.600 Debatten (Anhang A.1), 83,17 % Konformität, wenn die Mehrheit zugleich das stärkere Modell ist (Tabelle 2). Wang et al., „Silence is Not Consensus: Disrupting Agreement Bias in Multi-Agent LLMs via Catfish Agent for Clinical Decision Making", arXiv 2505.21503, 2025, Preprint; Ablation an mittelschweren MedQA-Fällen mit GPT-4o: Silent Rate 61,8 % → 17,1 %, Genauigkeit 36 % → 50 %. Tang & Yang, „AI Research Agents Narrow Scientific Exploration", arXiv 2605.27905, 2026, Preprint: 37.802 gültige Ideen aus vier Frameworks und sechs Modellen; Ähnlichkeit innerhalb eines Feldes 0,82–0,84 gegenüber 0,77 bei menschlichen Papern. Faulkner et al., „Evaluating Cooperation in LLM Social Groups through Elected Leadership", arXiv 2604.11721, 2026, Preprint: +55,4 % Wohlfahrt.
Nemeth, Brown & Rogers, „Devil's advocate versus authentic dissent: stimulating quantity and quality", European Journal of Social Psychology 31 (2001); Überblick in Nemeth, Minority Influence Theory (UC Berkeley). Anthropic, „Project Vend: Can Claude run a small shop?", 27. Juni 2025 (Experiment März–April 2025).
Europäische Kommission, Konsultation zu EudraLex Band 4: Kapitel 4, Annex 11 und neuer Annex 22, 7. Juli–7. Oktober 2025; Annex 22 zum Zeitpunkt dieses Textes nicht final. Hintergrund: EMA-Workshop zu Annex 22. Verordnung (EU) 2026/1744 (Digital Omnibus zur KI), vom 8. Juli 2026, in Kraft seit 27. Juli 2026.
Ein Wort zur Belastbarkeit. Die Erfahrungen mit den eigenen Agenten sind Praxisbeobachtung, keine kontrollierte Studie; es gibt dafür keine Messreihe. Die Erklärung über G ist eine Vermutung des Autors. Mehrere der KI-Befunde stammen aus Preprints mit kleinen Stichproben. Der beschriebene nächste Schritt mit beweglichen Rängen ist noch nicht getestet. Offenlegung: Der Bericht über Schindler, der diesen Text ausgelöst hat, wurde mit einem Modell von Anthropic erstellt; Anthropic hat auch Project Vend durchgeführt.
RANGDYNAMIK · SCHINDLER · MULTI-AGENTEN-SYSTEME · DISSENS · PRAXISVERSUCH · ANNEX 22 · AI ACT
— Ende —