DATA DIVERS DIALOGS · ESSAY
Ein Paar fliegt um den halben Globus, um am Tag vor dem Berlin-Marathon fünf Kilometer zu gehen. Die App, die ihnen dabei hilft, kennt die Form ihrer Runde, die Dauer und sonst nichts. Interessant ist das Letzte.
Von Christian Schappeit · Data Divers Dialogs · Oktober 2026 · ca. 4 Min. Lesezeit
Samstag, 26. September, Potsdamer Platz. Der Generali 5K führt über die letzten fünf Kilometer der Marathonstrecke, durchs Brandenburger Tor, einen Tag vor dem eigentlichen Rennen. Startgebühr 34,50 Euro, eine Medaille gibt es auch. Und eine Regel, die wichtiger ist als alle anderen: Ab der Startmatte läuft eine Stunde.
Wegen dieser Stunde steht ein Paar aus den USA hier, nach einem Flug um den halben Globus. Einer von beiden läuft morgen den Marathon, nach Monaten Training. Bestzeiten schafft keiner der beiden mehr. Sie wollten den 5K zusammen gehen, und vor der Buchung brauchten sie nur eine Antwort.
Schafft man das zu Fuß in unter sechzig Minuten?
DIE RECHNUNG
Zwölf Minuten pro Kilometer sind kein Trainingsplan. Sie sind eine Erlaubnis.
In einer fremden Stadt sieht man auf den Plan und weiß danach wenig. Straßen sind Striche. Ein Strich verrät nicht, ob der Abschnitt am Tiergarten schön ist oder eine sechsspurige Schneise mit Gehweg.
Also öffneten sie encirkl, eine Berliner Geh-App, und stellten fest, dass jemand die Arbeit schon erledigt hatte. Die 5K-Strecke stand als Challenge zum Marathon-Wochenende drin: eine geschlossene Runde, von echten Menschen gegangen, mit Dauer.
Tempo interessiert die App ausdrücklich nicht. Kein Sport, kein Tempo, keine Kilometer, steht auf der Startseite. Genau das half. Ein Fitness-Tracker hätte ihnen erklärt, dass ihr Schnitt enttäuschend ist. Diese App zeigte nur: Die Runde wird zu Fuß geschlossen.
Der Rest passte auf einen Bierdeckel. Sechzig Minuten, fünf Kilometer, also zwölf Minuten pro Kilometer. Zügiges Gehen, kein Spurt.
DIE MITGEREISTEN
Jeder Marathonläufer reist mit Leuten, die nicht laufen
Am Start merkten sie, dass sie nicht allein waren. Andere Paare, ganze Familien, alle nach demselben Muster: ein Läufer, der monatelang trainiert hatte und am Tag davor nur noch eine ruhige Runde wollte, und alle anderen, die wegen der Stadt mitgekommen waren.
Mehr als 50.000 Athletinnen und Athleten wurden zum Wochenende erwartet. Jede und jeder bringt Begleitung mit. Für die Begleitung plant niemand etwas. Sie steht bei Kilometer 38 mit einem Schild und sucht danach ein Mittagessen.
Später am Tag tauchten Läufer und Begleitung an denselben Orten auf, in den Cafés, in denen man sitzen will, auf den Straßen, die man gehen will. Sie wussten, wo die Lieblingsorte sind. Sie hatten eine App.
Am Abend saß ich in meinem Lieblingsrestaurant. Man gönnt sich was am Marathon-Wochenende. An den Nachbartischen: eine Läuferin aus Bangkok, allein unterwegs, das Paar aus den USA, eine kleine Familie. In Bangkok, erzählte sie, sei Laufen zum Trend geworden, Gehen noch mehr. Man bedenke das Klima. Wer dort nachmittags fünf Kilometer geht, hat sich das Brandenburger Tor verdient. Alle hatten die Reise mit einem Lauf verbunden. Alle waren die Lieblingsrunden ihrer Peers abgegangen. Man winkte sich zu. Bis nächstes Jahr.
WAS DIE APP BEHÄLT
Vier Dinge, und keines davon sind Sie
Niemand in diesem Restaurant hatte Nummern getauscht oder irgendwem gefolgt. Das machte mich neugierig, was das System dahinter eigentlich über diese Leute weiß.
Weniger als erwartet. Die Runde wird auf dem Handy geprüft, der GPS-Verlauf bleibt dort. Der Server speichert pro Loop vier Dinge: die Form, das Höhenprofil, die Dauer und die zugehörige Challenge. Die Form liegt dort mit einem zufälligen Startpunkt, nicht mit dem, an dem man wirklich losgegangen ist. Loops werden nicht miteinander verknüpft. Ein Konto braucht man zum Start nicht.
Der zufällige Startpunkt klingt nach Detail. Er ist der ganze Entwurf. Eine Runde, die an derselben Haustür beginnt und endet, ist eine Adresse mit Umweg.
Dass das kein Gedankenspiel ist, weiß man seit Januar 2018. Ein Analyst sah sich damals die öffentliche Heatmap von Strava an, gebaut aus rund drei Billionen GPS-Punkten, und bemerkte, dass Soldaten beim Joggen um abgelegene Stützpunkte deren Umrisse nachgezeichnet hatten. Die Daten waren aggregiert und anonymisiert. Den Joggingrunden war das egal.
„Eine Runde, die an derselben Haustür beginnt und endet, ist eine Adresse mit Umweg.“
encirkl wirft den Teil, der nach Hause zeigt, weg, bevor er einen Server erreicht. Dieselbe Logik zieht sich durch den Rest. Löst jemand im Partnercafé einen Vorteil ein, bekommt das Café ein Ja oder ein Nein und eine Badge-Stufe. Keine Route. Keinen Namen. Die Website setzt keine Cookies, die Plattform läuft auf Servern in der EU.
AUS SICHT DES CRM
Ein Kundenprogramm, das die E-Mail-Adresse ablehnt
In jedem Kundenbindungsprogramm, an dem ich mitgearbeitet habe, fragt die erste Maske nach der E-Mail-Adresse. Alles Weitere baut darauf auf: das Profil, das Segment, die Kampagne, der Einwilligungsnachweis, den die Rechtsabteilung sehen will, wenn etwas schiefgeht.
Dieses hier lehnt die Adresse gleich zu Beginn ab. Für jemanden aus dem CRM klingt das nach Ketzerei, bis man sieht, was stattdessen übrig bleibt: der Nachweis, dass etwas passiert ist, und nichts darüber, wer es war. In regulierten Branchen geben wir viel Geld aus, um diese beiden Dinge nachträglich zu trennen. Hier waren sie nie verbunden.
Bleibt eine berechtigte Frage an alle, die Kundendatenplattformen verkaufen. Wenn ein Café über eine Runde einen neuen Gast bekommt und nie erfährt, wer sie ist: Was genau ist dann die Kundenbeziehung? Vielleicht gehört sie der Strecke und nicht der Person.
MEINE EIGENE RUNDE
Zehn
Ich bin sie an diesem Samstag auch gegangen. Ich hatte dieselbe Rechnung gemacht wie alle anderen und mit zwölf Minuten pro Kilometer geplant, plus etwas Reserve für das Foto am Tor.
Es wurden zehn. Fünfzig Minuten für fünf Kilometer, zu Fuß, ohne dass mir eine App gesagt hätte, ob das gut ist.
Irgendwo auf einem Server in der EU liegt jetzt eine Runde dieser Länge, mit einer Dauer von etwa fünfzig Minuten und einem Startpunkt, an dem ich nicht losgegangen bin. Die App weiß nicht, dass sie meine war. Sie wissen es jetzt. Das war meine Entscheidung, nicht die der App. Darum geht es.
Zahlen und Quellen. Generali 5K: Samstag, 26. September 2026, Start Potsdamer Platz, Ziel Straße des 17. Juni hinter dem Brandenburger Tor, Zeitlimit eine Stunde ab Überlaufen der Startmatte, Startgebühr 34,50 Euro (Eventübersicht haid.app; Veranstalterseite). „Mehr als 50.000 Athletinnen und Athleten“ fürs Marathon-Wochenende stammt aus Berliner Lokalberichten zu den Straßensperrungen. Strava: Heatmap aus rund 3 Billionen GPS-Punkten von 2015 bis September 2017, das Problem machte der Analyst Nathan Ruser im Januar 2018 öffentlich.
Zu den Datenschutzangaben von encirkl: Die vier gespeicherten Elemente, der zufällige Startpunkt und die fehlende Verknüpfung zwischen Loops stammen von der encirkl-Startseite. Die Datenschutzerklärung bestätigt die Partnerseite (Ja/Nein, keine Namen, keine Standortdaten oder Bewegungshistorie an Partner), das Hosting in der EU und die cookiefreie Website. Zur App formuliert sie vorsichtiger: Die Verarbeitung bleibt auf dem Gerät, „wo technisch möglich“, für Details verweist sie auf die Datenschutzerklärung der CursusX-Plattform. Die Beschreibung auf der Startseite ist also die Darstellung des Anbieters, kein Audit. Offenlegung: protagx hat die encirkl-Website gestaltet. Spaziergang, Restaurant und Pace sind eigenes Erleben.
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