Data Divers Dialogs
Am 18. August, um 10:12 Uhr, nahm Berlin zwei Senatsverwaltungen vom Netz. 50.000 Haushalte bangten um ihr Wohngeld. Abgeflossen sei nur „frei zugängliche Open Data". Über einen Server, den niemand migriert hatte — und die Lücke zwischen einer Strategie für 2035 und einem IT-Projekt von 2018.
Die Meldung kam an einem Dienstagvormittag, auf die Minute datiert: 18. August 2026, 10:12 Uhr. Die Berliner Senatsverwaltung teilte mit, dass zwei ihrer Häuser Ziel eines Cyberangriffs geworden seien — die Verwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen und die für Mobilität, Verkehr, Umwelt und Klimaschutz. Beide waren da schon vom Landesnetz getrennt. Kein externes E-Mail, kein Homeoffice, alle zurück ins Büro. Ein Mitarbeiter sagte dem Tagesspiegel den Satz, der hängen bleibt: „Wir sind praktisch arbeitsunfähig."
Die Verwaltung tat, was Verwaltungen in solchen Momenten tun: Sie beruhigte. Abgeflossen seien, soweit man wisse, „frei zugängliche Open Data". Personenbezogene Daten? Unklar. Ausmaß? „Aus ermittlungstaktischen Gründen" keine weiteren Angaben.
Man muss diese Beruhigung einen Moment neben die Maßnahmen legen. Wenn wirklich nur öffentlich zugängliche Daten betroffen waren — warum dann zwei komplette Häuser vom Netz nehmen, das E-Mail kappen und Tausende Beschäftigte ins Büro zurückbeordern? Entweder war es harmlos, oder es war ernst. Beides zugleich ergibt keine Pressemitteilung, es ergibt einen Widerspruch.
Und während die Forensiker suchten, stockte im Hintergrund das Konkrete: Das Wohngeld für über 50.000 Haushalte war in Gefahr. Das Bildungs- und Teilhabepaket. Sogar Online-Anträge zur Briefwahl. Die Stadt, die sich als Innovationsstandort vermarktet, konnte für einige Tage ihren Bürgern nicht zuverlässig Geld überweisen.
Die Tür war ein Server, den niemand migriert hatte
Was die Behörde aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagte, rekonstruierte die IT-Fachpresse in den Tagen danach. Der Weg hinein führte demnach nicht durch die neue, gehärtete zentrale Infrastruktur. Er führte durch Alt-IT, die nie dorthin migriert worden war.
Berlin betreibt seit 2018 ein Programm mit dem hoffnungsfrohen Namen OneIT@Berlin. Die Idee: die verstreute Behörden-IT in einem zentralen Dienstleister bündeln, dem ITDZ. Tausende Arbeitsplätze sollten bis Ende 2024 umziehen. Acht Jahre nach dem Start war der Umzug nicht fertig. Und die betroffene Bauverwaltung gehörte zu dem Teil, der noch auf eigenen Beinen stand — weil eine Fachanwendung daran hing, oder weil die Zuständigkeit strittig war, oder weil es einfach nie oben auf der Liste stand.
Das ist das Muster, und es ist bekannt: ein sauberes, gehärtetes Zentrum — und daneben ein Rest, den niemand angefasst hat. Die Sicherheit schützt, was im Projektplan steht. Der Angreifer nimmt, was nicht drinsteht.
Die Sicherheit schützt, was im Projektplan steht. Der Angreifer nimmt, was nicht drinsteht.
Es war keine raffinierte Zero-Day-Attacke nötig, kein Werk staatlicher Superhacker. Es reichte eine Tür, an die intern niemand mehr dachte, weil sie in einem Gebäudeteil lag, für den sich formal keiner mehr verantwortlich fühlte.
Mehr investieren, sagt die Senator:in
Die Antwort kam schnell und routiniert. Ein Krisenstab, eingerichtet schon am Vortag. Ermittlungen durch das Landeskriminalamt, die Staatsanwaltschaft, das BSI. Ein Behördensprecher versicherte, das Haus bleibe „arbeitsfähig", die Präsenz im Büro sichere die kritischen Abläufe. Und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey forderte, was in solchen Wochen stets gefordert wird: deutlich mehr Investitionen in die IT-Sicherheit.
Mehr investieren klingt richtig, und im Grundsatz ist es das auch. Nur adressiert es das Problem knapp daneben. Das Zentrum war ja nicht unterfinanziert — es war gehärtet, es hielt. Gescheitert ist nicht die Investition ins Neue, sondern der unerledigte Abschied vom Alten. Man kann eine Verantwortungslücke nicht wegfinanzieren. Man kann sie nur schließen, indem jemand den letzten, undankbaren Server übernimmt, den keiner haben wollte.
Der Sicherheitsexperte Manuel Atug formulierte im RBB, was viele dachten: Berlins IT-Sicherheit habe sich, allen früheren Besserungsversprechen zum Trotz, eher verschlechtert. Es war nicht der erste Angriff. Das Portal berlin.de traf es 2025, die Justizverwaltung ebenfalls. Man kennt das Drehbuch inzwischen.
Ein Rahmen ist noch keine Steuerung
Vier Wochen vor diesem Dienstag, Mitte Juli, hatten Berlin und Brandenburg ihre neue Innovationsstrategie beschlossen, die InnoBB 2035. Fünf Zukunftsfelder, vier Erfolgsfaktoren, einer davon: „innovationsfreundliche Rahmenbedingungen". Ein guter Rahmen. Ein Foto, ein Beschluss, ein Anspruch.
Und dann, vier Wochen später, fällt eine sehr grundlegende Rahmenbedingung aus — das eigene Landesnetz — durch eine Tür, die ein Programm von 2018 längst hätte schließen sollen. Die Stadt hatte eine Strategie für 2035 und einen Server aus einer Zeit, in der sie ihn hätte migrieren wollen. Der Server gewann.
Es ist dieselbe Lücke, über die ich hier schon geschrieben habe, nur diesmal nicht auf dem Papier, sondern im Ernstfall. Einen Rahmen zu beschließen, ist der angenehme Teil. Die Steuerung ist die undankbare Arbeit danach: dranbleiben, fertigmachen, jeden losen Faden zu Ende ziehen. Der Rahmen entsteht im Festakt. Die Migration stirbt im Kleingedruckten.
Die Institution in der Zange
Das eigentlich Beunruhigende zeigt sich, wenn man diesen Angriff neben eine andere Berliner Zahl legt. Die Innovationserhebung der Technologiestiftung Berlin hat gerade gemessen, wie Unternehmen KI nutzen: Bei generativer KI arbeiten dreißig Prozent über Beschäftigte, die das eigenverantwortlich tun — aber nur zwölf Prozent haben eine interne, freigegebene Lösung. Schatten-KI. Die Belegschaft rennt der Organisation voraus.
Der Cyberangriff ist das Spiegelbild. Kein Werkzeug, das der Governance davonläuft, sondern eine Infrastruktur, die ihr hinterherhinkt. Schatten-IT statt Schatten-KI. Und zwischen beidem sitzt dieselbe Institution — vorn überholt vom Werkzeug, das sie nicht bremsen kann, hinten belastet von der Schuld, die sie nicht abträgt.
Vorn das Werkzeug, das man nicht bremst. Hinten der Server, den man nicht loswird. Dazwischen die Verwaltung.
Das ist die Grenze, die sich verschoben hat. Jahrzehntelang war die Frage, ob die Technik es kann. Sie kann es längst. Die Frage ist jetzt, ob die Institution mithält — ob sie fertigstellt, was sie beginnt, und weiß, wer für welchen Kasten geradesteht. Das ist keine Frage der Rechenleistung. Es ist eine Frage der Ordnung.
Das gefährlichste System in Berlin war in diesem August keine künstliche Intelligenz. Es war ein Server, den niemand umgezogen hatte, auf dem eine Anwendung lief, die keiner anfassen wollte, hinter einer Tür, an die sich keiner mehr erinnerte.
Die Strategie reicht bis 2035. Der Server stammte aus 2018. Und für ein paar Tage im August entschied nicht die Strategie, was die Stadt konnte, sondern der Server.
Ein Rahmen hängt an der Wand. Eine Tür fällt niemandem auf — bis sie offensteht.
Quellen. Tagesspiegel, taz, Behörden Spiegel, ad-hoc-news (Cyberangriff auf die Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung/Bauen/Wohnen und Mobilität/Verkehr/Umwelt/Klimaschutz; öffentlich am 18.8.2026, 10:12 Uhr; Trennung vom Landesnetz, Krisenstab und Homeoffice-Verbot ab 17.8.; Wohngeld für über 50.000 Haushalte, Bildungs- und Teilhabepaket, Online-Briefwahl betroffen; Ermittlungen LKA, Staatsanwaltschaft, BSI; Aussage Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey; „ermittlungstaktische Gründe"; Kritik Manuel Atug im RBB). — Einfallstor über nicht ins ITDZ migrierte Alt-IT: Rekonstruktion der IT-Fachpresse (u. a. borncity, blogspan) zum Programm OneIT@Berlin; offiziell nicht bestätigt. — Technologiestiftung Berlin / ZEW: Innovationserhebung Berlin 2025. — InnoBB 2035, Beschluss Juli 2026. Zahlen und Zitate sinngemäß.